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Frau Odenthal, Sie leiten das Betriebliche Gesundheitsmanagement am Klinikum Leverkusen. Warum ist Gewaltprävention aus Ihrer Sicht auch ein zentrales Thema der Beschäftigtengesundheit?
Ja, Gewalt am Arbeitsplatz hat immer etwas mit Sicherheit zu tun. Sicherheit ist etwas, was jeder Mensch braucht. Und sobald ich mich an meinem Arbeitsplatz unsicher fühle, wirkt sich das auf meine Gesundheit aus. Deswegen ist es auch ein zentraler Punkt des Betrieblichen Gesundheitsmanagements. Denn wir sind immer bemüht, Fehlbelastungen am Arbeitsplatz zu reduzieren.
Was machen Beleidigungen, Bedrohungen, sexualisierte Übergriffe oder körperliche Gewalt langfristig mit Mitarbeitenden – auch dann, wenn Betroffene nach außen zunächst weiter funktionieren?
In vielen Fällen funktionieren sie, wenn man es so nennen darf. Aber in vielen Fällen ist es eben auch nicht so. Gerade wenn wir schwerere Vorfälle haben, dauert es bis zu zwei Jahre intensiver Betreuung, bis wir es schaffen, die Mitarbeitenden wieder an den Arbeitsplatz zu bringen. Und selbst wenn sie im ersten Moment vielleicht weiterarbeiten, besteht immer wieder die Gefahr, wenn sie in ähnliche Situationen kommen, dass das Trauma erneut aufflammt und im schlimmsten Fall eine posttraumatische Belastungsstörung daraus wird.
Viele Vorfälle werden nicht gemeldet oder bagatellisiert. Was hält Beschäftigte aus Ihrer Erfahrung davon ab, Gewalt oder Bedrohungen offiziell zu dokumentieren?
Ich glaube, es ist das Vertrauen in das Unternehmen und in die Unterstützung durch das Unternehmen. Viele sind auch nicht sicher: Habe ich mich in der Situation richtig verhalten? Bei uns im Klinikum arbeiten wir mit Patienten. Es sind unsere Schutzbefohlenen. Wir wollen ihnen weiterhelfen. Und da müssen Beschäftigte ganz genau wissen: Was darf ich? Was darf ich nicht? Wo bewege ich mich? Wo ist meine persönliche Grenze? Welche Grenze darf ich vertreten? Und dann müssen sie auch einfach spüren, dass das Unternehmen hinter ihnen steht und sie unterstützt, sodass Gewalt kein Tabuthema ist, sondern etwas, was wir als Unternehmen nicht tolerieren.
Wie kann eine Einrichtung eine Kultur schaffen, in der Betroffene ernst genommen werden, Unterstützung bekommen und nicht das Gefühl haben, solche Erfahrungen allein bewältigen zu müssen?
Der erste Schritt ist die öffentliche Positionierung des Unternehmens – dass man wirklich hinter den Mitarbeitenden steht. Dass das von der Geschäftsführung aus bekannt gemacht wird, dass regelmäßig über das Thema gesprochen wird und unterschiedliche Aktionen stattfinden, damit es wirklich kein Tabuthema ist. Außerdem müssen die Mitarbeitenden spüren, dass Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden. Wir haben zusätzlich einen Peer-Support, bei dem kollegiale Erstgespräche geführt werden. So merken die Mitarbeitenden: Man ist nicht allein und eine Grenze darf nicht überschritten werden. Wenn sie überschritten wird, unterstützt das Unternehmen.
Welche Strukturen braucht eine Klinik oder Praxis, damit Gewaltprävention nicht vom Engagement einzelner Personen abhängt, sondern dauerhaft im Arbeits- und Gesundheitsschutz verankert wird?
Da nennen Sie schon das richtige Stichwort: Arbeits- und Gesundheitsschutz wäre die erste Anlaufstelle. Wichtig ist, das Thema strukturell zu hinterlegen – etwa indem es eine feste Aufgabe von Führungskräften wird oder Teil von Zielvereinbarungen in großen Unternehmen ist. Auch Gewaltpräventionsbeauftragte können helfen. Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Aber entscheidend ist, dass Gewaltprävention dauerhaft im Unternehmen verankert wird.
Warum ist es wichtig, dass eine Veranstaltung wie der Mannheimer Thementag Gewaltprävention im Gesundheitswesen als eigenständiges Thema sichtbar macht – auch aus Sicht von Beschäftigtengesundheit, Fürsorge und Arbeitsschutz?
Das Thema zum Thema zu machen ist das Wichtigste. Und je mehr Menschen mitarbeiten, desto mehr Gehör finden wir, desto präsenter wird es in den Medien, in der Gesellschaft und in der Politik. Und letzten Endes sind das die Institutionen, die unser Gesundheitswesen leiten und auch etwas dafür tun können, dass sich Strukturen ausbilden, damit wir sicherer am Arbeitsplatz sind.
Wo sehen Sie über die einzelne Einrichtung hinaus weiteren Handlungsbedarf – etwa bei Unfallkassen, Berufsgenossenschaften, Ärztekammern, Ausbildungsstätten, Trägern, Politik oder Gesellschaft –, damit Gewaltprävention im Gesundheitswesen verbindlicher verankert wird?
Da sind wir auf einem guten Weg. Seit 2023 gibt es ein Gesetz über Gewalt am Arbeitsplatz beziehungsweise zur Beseitigung von Gewalt am Arbeitsplatz. Wir haben bei uns in NRW im Innenministerium einen Runden Tisch zum Thema Gewalt im Gesundheitswesen. Außerdem haben wir gemeinsam mit der Ärztekammer ein Curriculum entwickelt: den Deeskalationstrainer im Gesundheitswesen. Das sind ganz viele Bereiche auf dem Weg. Und je präsenter wir das Thema machen, desto besser stellen wir uns auf.
Kontextspalte
Jessica Alica Odenthal
Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements
am Klinikum Leverkusen